In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich mich bereits mit dem Thema „sinnvolle Kennzahlen im BGM“ beschäftigt.

Aufgrund der Aktualität und auch Relevanz von Kennzahlen im BGM, möchte ich das Thema noch einmal aufgreifen und eine Kennzahl, die in meinen Projekten gerade häufiger nachgefragt wird, für Sie näher beleuchten.

Der sogenannte Work Ability Index (WAI) ist ein Instrument zur Erfassung der Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten. Entwickelt und getestet wurde der WAI von Juhani Ilmarinen in Finnland. In Deutschland wird er immer häufiger von Unternehmen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen eingesetzt.

Wozu dient der WAI?

[clickandtweet handle=““ hashtag=““ related=““ layout=““ position=““]Mit Hilfe des WAI sollen potentielle arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken frühzeitig erkannt, geeignete Maßnahmen zur Förderung der Arbeitsfähigkeit eingeleitet und den Risiken einer Frühverrentung entgegen gewirkt werden.[/clickandtweet] So viel zur offiziellen Definition des WAI.

Wie funktioniert der WAI?

Es handelt sich um ein Instrument zur Selbstdiagnose, welches anhand eines vorgegebenen Fragebogens die subjektiven Einschätzungen von Beschäftigten zur eigenen Arbeitsfähigkeit ermittelt. Die so ermittelten Werte verweisen darauf, ob infolge zukünftig drohender Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit, Handlungserfordernisse bestehen, um die Gesundheit der Beschäftigten gezielt zu fördern. Der dem WAI zugrunde liegende Fragebogen ist in einer Kurz- und in einer Langversion erhältlich. Wobei die Langversion sehr differenziert und umfassend den individuellen Gesundheitszustand des Mitarbeiters erfasst und dazu eine Liste mit 51 aufgeführten Krankheitsgruppen abfragt. Die Kurzversion mit einer Liste von nur 14 Krankheitsgruppen ist im betrieblichen Kontext allerdings besser geeignet, zumal sie die gleichen Ergebnisse liefert wie die Langversion.

Das Instrument ist einfach zu handhaben. Der Zeitaufwand für die Befragung liegt bei zehn bis 15 Minuten. Aufwändiger ist dann die Auswertung aller Befragungen.

Was wird abgefragt?

Die folgenden sieben Dimensionen werden in der Kurzversion des WAI-Fragebogens erfragt:

(1) die derzeitige Arbeitsfähigkeit im Vergleich zur besten, je erreichten Arbeitsfähigkeit;

(2) die eingeschätzte aktuelle Arbeitsfähigkeit in Bezug auf körperliche und psychische Arbeitsanforderungen;

(3) die Art und Anzahl der aktuellen, vom Arzt diagnostizierten Krankheiten;

(4) geschätzte Beeinträchtigungen der Arbeitsleistung durch die Krankheiten;

(5) Krankenstand im vergangenen Jahr;

(6) Einschätzung der eigenen Arbeitsfähigkeit in den kommenden zwei Jahren;

(7) psychische Leistungsreserven.

Sie sehen schon, dass es sich um sensible Gesundheitsdaten von Beschäftigten handelt, die hier erfragt werden. Daher kann die Befragung nur freiwillig und anonym erfolgen.

Bei der Erhebung des WAI sollte daher unbedingt die Zustimmung des Betriebs- oder Personalrates vorab  eingeholt werden und der Datenschutz beachtet werden.

Wo wird der WAI angewendet?

In Deutschland wird der WAI vorwiegend in drei verschiedenen Settings verwendet:

  • in der betriebsärztlichen Praxis (häufigste Anwendung)
  • als Quer- und Längsschnitterhebung im Betrieb
  • als wissenschaftliche Anwendung in Studien.

Welche Ergebnisse liefert der WAI?

Der WAI liefert ein Bild zur individuellen Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten. Seine betriebliche Bedeutung kann jedoch über den Einzelfall hinausgehen, wenn Sie mit den ermittelten Durchschnittswerten für bestimmte Beschäftigten- und Altersgruppen, problematische Arbeits- und Tätigkeitsbereiche frühzeitig identifizieren und präventive Gestaltungsmaßnahmen einleiten.

Darüber hinaus kann der WAI auch als Evaluationsinstrument genutzt werden, um die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu überprüfen. Dazu werden die ermittelten Durchschnittswerte aus WAI-Befragungen, vor Beginn und nach Abschluss einer Maßnahme erfasst. Wobei positive Veränderungen in den Durchschnittswerten, die im Vorher-/Nachher-Abgleich sichtbar werden, als Indikator für eine Verbesserung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten herangezogen werden können.

Wobei zu beachten ist, dass sich Veränderungen in der Arbeitsfähigkeit erst längerfristig nachweisen lassen und kurzfristige Veränderungen leider nicht zu erwarten sind.

Kritik am WAI

Ursprünglich ist der WAI in den 1980er Jahren Bewertungsverfahren zur Frühberentung entwickelt worden. Seit den 1990er Jahren wird er nunmehr als Instrument zur Bestimmung des Niveaus der individuellen Arbeitsfähigkeit verwendet. Dabei wurde er für diese neue Nutzung nie angepasst. Es stellt sich die Frage, ob der WAI in seiner jetzigen Form für die heutige Verwendung überhaupt geeignet ist.

Wenn man sich die Dimensionen, die abgefragt werden anschaut, stellt man zudem fest, dass die Fragen sich rein auf den einzelnen befragten Mitarbeiter und seine individuellen Ressourcen bezieht. [clickandtweet handle=““ hashtag=““ related=““ layout=““ position=““]Die Bedingungen der Arbeitswelt, also das betriebliche Umfeld, die es im Nachgang zu verbessern gilt, tauchen bei der Erhebung des WAI nur am Rande auf.[/clickandtweet]

Zudem gibt der WAI über die konkreten Maßnahmen, die zur Wiederherstellung, zur Verbesserung oder Sicherung der Arbeitsfähigkeit ergriffen werden sollten, keine Auskunft.

Fazit

Aus meiner Sicht kann der WAI in einzelnen Unternehmen eine gute Ergänzung zu vorhandenen Instrumenten aus dem Arbeits- und Gesundheitsschutz sein. Instrumente wie die Gefährdungsbeurteilung oder ähnliches kann er jedoch nicht ersetzen. Zudem denke ich, sollte das Instrument nur durch fachmännische Hände, wie die eines Betriebsarztes, angewendet werden, um die Ableitung falscher Schlüsse zu vermeiden.

Ich plädiere auch nicht generell für die Erhebung eines WAI, finde aber, dass dieser in besonderen Fällen und ergänzend zu anderen Instrumenten, gute und vor allem hilfreiche Ergebnisse zur Ausgestaltung von gesundheitsförderlichen Maßnahmen liefern kann.

Am Ende des Tages zählt, dass mit den gewonnenen Erkenntnissen, egal aus welchem Instrument sie abgeleitet wurden, auch gearbeitet wird. Nichts ist frustrierender für die Beteiligten, als wenn wertvolle Ergebnisse ungenutzt in der Schreibtischschublade verschwinden.

Wenn Sie sich persönlich ein Bild verschaffen möchten, hier der Kurzfragebogen für Sie zum downloaden. Work_Ability_Index

Nutzen Sie den WAI in Ihrem Unternehmen? Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

A. Thranberend

Angélique Thranberend ist Dipl. Wirtschaftsjuristin (FH) mit 15 jähriger Erfahrung als Personalmanagerin in diversen Branchen, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Entspannungs- und Hypnosetherapeutin sowie zertifizierter Coach. Sie setzt sich mit voller Kraft für die Verbesserung der Arbeitswelt ihrer Klienten ein. Dazu arbeitet sie mit Unternehmen an der Schaffung von gesunden Rahmenbedingungen, die zum Erhalt der Leistungsfähigkeit und Motivation von Mitarbeitenden beitragen. Und sie zeigt Frauen in ihren Privaten Mentoring Programmen, wie sie sich ein BerufsLEBEN erschaffen, das wirklich zu ihnen paßt, sie ECHT sein und sie entlang ihrer Stärken und Werte leben und arbeiten läßt.

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